Vom 21. bis 26. Dezember 2025 fand das Familienprojekt „Eltern sind aktiv“ in Ufa statt, das vom Jugendring der Russlanddeutschen organisiert wurde. Das Projekt zielte darauf ab, die ethnische Identität zu stärken, Familientraditionen zu bewahren und das kulturelle Erbe der Russlanddeutschen an die jüngere Generation weiterzugeben.

Am Projekt nahmen junge Familien aus 10 Regionen Russlands teil: Baschkortostan, Tatarstan, Altai, Krasnodar, Kaliningrad, Moskau, Nowosibirsk, Orenburg, Saratow, Swerdlowsk, Tomsk und Tscheljabinsk. Für viele Teilnehmer war es die erste Gelegenheit, die Kultur der Russlanddeutschen nicht als Gäste, sondern als Gemeindeangehörige kennenzulernen.
Das Projekt begann mit der Heranführung der Einwanderungsgeschichte des 18. Jahrhunderts, begleitet von Swetlana Malzewa und Elisaweta Selinskaja. Die Teilnehmer „überquerten die Wolga“, bauten Häuser, zeichneten familiäre Reiserouten, erraten Weihnachtsgerüche, erfüllten Aufgaben, spielten, lachten und suchten Weihnachtssymbole. Am Ende des ersten Tages schauten die Teilnehmenden den Film „Ein, Zwei, Drei“ (ein Filmprojekt des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur) und bekamen aufklärerische Sets mit DVD und Filmheften. Mit diesen Sets haben Eltern und Kinder die Möglichkeit, sich mit der Sprache und Kultur der Russlanddeutschen vertraut zu machen.

Am zweiten Tag fand die offizielle Eröffnung des Projekts «Eltern sind aktiv» statt. Der Ort dafür war ganz bewusst gewählt: die Evangelisch-Lutherische Kirche, die der Vorsitzenden der Jugendring der Russlanddeutschen, Nelli Artes, besonders vertraut und nah ist: “Unser Projekt zielt darauf ab, Familienwerte und Identität zu bewahren und wiederzubeleben sowie Wissen und Fertigkeiten über Kultur, Sprache und Traditionen der Russlanddeutschen an unsere Kinder weiterzugeben. Damit die Kinder dieses Erbe später selbst präsentieren können!“ Sie wünschte allen Teilnehmenden, die vorweihnachtliche Ruhe im verschneiten Ufa zu genießen – für manche war es das erste Mal, dass sie so viel Schnee sahen!
Auch Leonid Konstantinowitsch Kasper, Vorsitzender der Kultur- und Bildungsunion der Deutschen der Republik Baschkortostan «Wiedergeburt», richtete ein Grußwort an das Publikum: “Das Projekt «Eltern sind aktiv» ist stets aktuell und immer praxisnah. Und ich freue mich sehr zu sehen, dass hier in Ufa so viele Kinder dabei sind – das ist einfach großartig! Genau ist es, worauf wir hinarbeiten. Das, was von uns bleiben soll.”

Im Anschluss an die Eröffnung begann der «Klub für Freunden der deutschen Sprache» seine Arbeit, der während der gesamten Projekttage zu einem festen Treffpunkt wurde. Die Teilnehmenden fanden sich in drei Altersgruppen zusammen: Die Erwachsenen tauschten sich über Identität aus, die Kinder lernten das «deutsche» Weihnachten kennen und bastelten weihnachtliche Dekorationen, während die Jugendliche Gedichte einübten und Sprachspiele spielten.
Die Vokalwerkstatt von Irina Kirsanova wurde ebenfalls zu einem der durchgehenden Elemente des Projekts: An mehreren Tagen trafen sich Kinder und Erwachsene täglich, um gemeinsam ein mehrstimmiges Weihnachtslied vorzubereiten. Das Singen wurde nicht nur zu einer kreativen Praxis, sondern auch zu einer Möglichkeit, eine gemeinsame Verbindung zu spüren – durch Rhythmus, Atmung und den einheitlichen Klang.
Mehrere Abende waren dafür vorgesehen, dass jede Familie von sich erzählen konnte. Die Teilnehmenden stellten ihre Regionen vor – vom europäischen Teil bis nach Sibirien, teilten Familiengeschichten, zeigten, wie sie Weihnachten zu Hause feiern, und präsentierten ihre persönlichen Wappen und Symbole – jedes mit seiner eigenen Bedeutung. Diese Präsentationen waren nicht nur ein Austausch über Geografie, sondern eine lebendige Landkarte der Identität der Russlanddeutschen – vielfältig, aber vereint durch eine gemeinsame Erinnerung und den Wunsch, diese weiterzugeben.

Einen besonderen Platz im Projekt nahm die Werkstatt zur Erstellung von weihnachtlichen Familienfilmen unter der Leitung von Diana Schalutaschwili ein. Über mehrere Tage hinweg arbeitete jede Familie an ihren Mini-Filmen – nicht als Aufgabe, sondern als persönliche Geschichte, die man bewahren möchte. Die Teilnehmenden filmten, schnitten und diskutierten, was wichtig ist zu zeigen. Der Prozess wurde zu einem Anlass für einen tiefen Dialog innerhalb der Familien – darüber, was sie bewahren und weitergeben möchten.
So beschrieb Diana Schalutaschwili ihre Eindrücke:
“Im Workshop für weihnachtliche Familienfilme haben wir gemeinsam mit den Teilnehmenden die Arbeit mit dem Dreifuss ausprobiert: stationäre Aufnahmen sowie Kamerabewegungen. Ziel war es, den direkten Unterschied zwischen Freihand- und Dreifussaufnahmen zu erleben. Diese Aufgabe haben alle mit Bravour gemeistert! Außerdem haben wir das populärste Videoschnitt-App unter die Lupe genommen – wie sie funktioniert, welche Effekte möglich sind und viele weitere Lifehacks für ästhetische Filme.

Am dritten Tag stand eines der wichtigsten Ereignisse des Projekts an: eine Reise in das Dorf Prischib – ein historischer Siedlungsort der Russlanddeutschen in Baschkortostan. Die Teilnehmenden tauchten in eine authentische Atmosphäre ein: Hier ist der deutsche Dialekt noch lebendig, Traditionen, Alltag und die besondere Lebensweise werden bewahrt. Bei Treffen mit Einheimischen hörten die Familien lebendige Erzählungen über Feste, Glauben, Handwerk und das tägliche Leben. Sie stellten Fragen, berührten historische Gegenstände und spürten die Verbindung der Zeiten – nicht als Abstraktion, sondern als lebendige Erinnerung in jedem Haus und jedem Wort.”
Daria Renschler aus Slatoust teilte ihre Eindrücke der Reise so: “Beeindruckende Landschaften auf dem Weg, und dann – das Dorf Prischib. Ein kleiner, sehr gemütlicher und stiller Ort, an dem die Zeit langsamer und sanfter zu vergehen scheint. Wir haben das deutsche Museum und den Raum der Russlanddeutschen besucht. Das ist nicht einfach nur eine Ausstellung – es ist lebendige Geschichte: Alltagsgegenstände, Details des täglichen Lebens, Geschichten von Menschen, die hier gelebt, gearbeitet und ihre Kultur und Sprache bewahrt haben. Ein Teil der Geschichte, über den man im Alltag selten nachdenkt, der einem hier aber plötzlich ganz nah kommt.
Besonders berührt hat mich die kleine Darbietung im Dialekt. Man hört zu und versteht sofort: Sprache, Kultur und Traditionen leben weiter, solange man sie weitergibt. Es war etwas sehr Intimes und Aufrichtiges – und gerade deshalb von besonderem Wert. Danach spielten die Kinder verschiedene Spiele. Sie lachten, rannten und unterhielten sich ganz ohne Telefone – einfach im Hier und Jetzt. In diesem Moment hatte ich ein Gefühl, das sich kaum in Worte fassen lässt: als wäre ich für kurze Zeit selbst wieder in meine Kindheit zurückgekehrt – in eine Zeit, in der die Freude einfach war und der Tag nicht von Ereignissen, sondern von Gefühlen erfüllt wurde.Für mich als Mutter hatte diese Reise einen großen Wert – nicht nur als Ausflug, sondern als Erfahrung: lebendig, warm und authentisch. Es ging um die eigenen Wurzeln, um Erinnerung und darum, wie wichtig es manchmal ist, solche Orte aufzusuchen, damit man die Verbindung zwischen den Generationen wirklich spürt.“

Ein wichtiger Bestandteil des Programms waren Themenblöcke zur Genealogie und zur Entwicklung ethnischer Identität. Die Teilnehmenden setzten sich mit zentralen Begriffen auseinander – Volk, Ethnie, Nation, Nationalität – und diskutierten, was die DNA über einen Menschen aussagen kann und worauf das Gefühl der Zugehörigkeit zur Kultur der Russlanddeutschen beruht. Praktische Aktivitäten ergänzten diese Überlegungen: Die Erwachsenen absolvierten eine genealogische Rallye, bei der sie imaginäre familiäre Linien rekonstruierten, und nahmen an einem interaktiven Spiel mit dem Titel “Mission: Russlanddeutsche” teil, bei dem jede und jeder die eigene Verbundenheit mit Geschichte und Kultur erleben konnte. Ein eigener Programmpunkt war die Vorführung eines Animationsfilms, in dem die junge Protagonistin durch die Auseinandersetzung mit ihrer Familiengeschichte Halt in sich selbst und in ihrem Erbe findet. Diese Einheiten waren keine klassischen Vorträge, sondern boten Raum für persönliche Suche und Selbstreflexion.
Die Referentin Olga Bondarenko-Shuriz teilte ihre Eindrücke mit: „Ich habe das Interesse in den Augen der Teilnehmer gesehen und sogar eine Art Erwachen, das heißt, das Verständnis, dass die Frage der Identität für ihre Kinder relevant werden könnte”

„Es war sehr interessant! Man könnte denken, dass so ein langweiliges Thema, irgendwelche Archive und Dokumente, ist, aber Olga hat so erzählt, dass es wie ein Detektivroman war, den wir selbst zu untersuchen schienen. Man wollte sofort losgehen und suchen, in die Geschichte eintauchen, Informationen über alle seine Verwandten anschauen.
Wir haben von der Mutter meines Mannes einen Stammbaum ihrer deutschen Linie bis zur zehnten Generation erstellt, und sie hat sogar den ersten Siedler gefunden.
Seit meiner Kindheit möchte ich Information über die Verwandten meiner Mutter finden. Aber dafür fehlt mir immer die Zeit. Doch hier haben wir so viele Ressourcen erfahren, wie man das finden kann! Und es gibt das Gefühl, dass all das wirklich machbar ist. Normalerweise, wenn wir darüber nachdenken, wie wir suchen können, stellen wir uns sofort ein Archiv vor, eine bürokratische Falle, und es scheint unmöglich zu sein – du gerätst in eine Sackgasse. Aber heute haben wir Schritt für Schritt erfahren: Wo man anfangen kann, wie man mit kleinen Schritten vorankommt. Und tatsächlich gehst du ins Archiv nur am Ende, und vielleicht brauchst du da gar nicht hin, weil du schon vieles selbst gefunden hast. Jetzt möchte ich noch mehr Information über meine Verwandten finden und hoffe darauf dass, dass ich dafür auf jeden Fall Zeit finden werde!“ – berichtete Anastasia Koroteewa aus Tscheljabinsk über den Block.
Der Heiligabend wurde zum besonderen Abschluss der Weihnachtswoche: Alle Projektteilnehmer haben sich in der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Ufa versammelten, um das Weihnachtslied zu singen, das sie während der Projekttage vorbereiteten. Dieser Auftritt war kein Konzert, sondern ein gemeinsamer Akt der Teilhabe am Gottesdienst, bei dem sich die Familien aus den verschiedenen Regionen des Landes als ein gemeinsames Volk fühlten. Der Moment, als der Chor in der Stille des Heiligabends ertönte, wurde zu jenem unsichtbaren Faden, der Geschichte, Sprache, Erinnerung und die persönliche Entscheidung eines jeden Einzelnen zu einem gemeinsamen “Hier und Jetzt” verband.
“In den Augen unserer Teilnehmer habe ich die Erwartung eines Wunders gesehen… denn heute ist Heiligabend, und er trägt einen gewissen Zauber und ein Mysterium in sich”, kommentierte die Leiterin der Vokalwerkstatt Irina Kirsanowa den Auftritt.

Während des gesamten Projekts gab es für Kinder und Eltern Kreativwerkstätten, in denen jede Aktivität zu einer Möglichkeit wurde, Traditionen handgreiflich werden zu lassen: Die Teilnehmer bastelten Weihnachtsengel und Broschen, Festkarten, Anhänger und Armbänder, Weihnachtssträuße aus echten Tannenzweigen, Bändern und glänzenden Kugeln und Kerzen von Hand, so wie man es vor Jahrhunderten machte. Diese Beschäftigungen wären nicht bloß ein Spiel: In jeder Bewegung — vom Binden einer Schleife bis zum Ausbreiten der Engelsflügel — zeigten sich Fürsorge, Aufmerksamkeit und der Wunsch gezeigt, das Wichtige weiterzugeben — durch die Hände, durch die Zeit, über Generationen hinweg.
Am letzten Tag des Projekts – genau zum Weihnachten – erwartete die Teilnehmer eine besondere Köstlichkeit: ein Weihnachtsstollen, zubereitet im Büro von JdR – warm und würzig, wie ein Versprechen: „Wir werden uns noch wiedersehen.“ An diesem Tag vollendeten die Familien dem Schneiden ihrer Weihnachtsfilme und legten in jede Szene die Gefühle und Entdeckungen dieser Tage. Und am Abend, bei der Abschlussfeier, fanden aufrichtige Dankesworte statt, und wie es Tradition war – erschien Christkind, hinterließ jeder Familie ein Geschenk und eine weitere Erinnerung: Die Tradition lebt, solange man an sie glaubt und sie Teil seines Lebens macht.

Nach Abschluss des Projekts baten wir die Teilnehmer, ihre Eindrücke zu teilen – nicht als Gäste, sondern als Menschen, deren Familien Teil einer gemeinsamen Feier, Suche und Entdeckung geworden waren.
Alexander Kusminski aus Jekaterinburg bemerkte: „Neben der Fülle positiver Emotionen, Erinnerungen und Eindrücke für mich selbst werde ich eines der Wichtigsten mitnehmen: die Erweiterung des Horizonts meiner Kinder. Ein besonders großer, heller Moment dieser Tage war für mich der Besuch der Kirche am Heiligabend. Das war eine interessante und neue Erfahrung.“

Elena Hoffmann, Dorf Halbstadt (Altai-Region): Von diesem Projekt werde ich neue, wertvolle Bekanntschaften mitnehmen, lebhafte Erinnerungen und das Gefühl der Einheit der Russlanddeutschen, wo immer sie sich auch befinden. Und noch die begeisterten Augen der Kinder und ihren glühenden Wunsch, an den nächsten Projekten teilzunehmen!
Olga Lanskaja (Gotlieb) aus Magnitogorsk:
„Für mich zeichnete sich das Projekt durch das große Engagement der Organisatorinnen und Organisatoren für die deutsche Sprache und ihr kulturelles Erbe aus – von der Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln (Genealogie, Rekonstruktion eines Familienvideoalbums, Präsentationen von Familien in traditionellen Trachten sowie Erzählungen über Bräuche und die Geschichte der Russlanddeutschen) bis hin zur Vermittlung fundierter Sprachkenntnisse, die sowohl Erwachsenen als auch Kindern in einem kreativen und vertiefenden Unterricht nahegebracht wurden.
Das Programm war äußerst vielseitig angelegt: Die Referentinnen und Organisatoren griffen zahlreiche Aspekte der deutschen Kultur auf – darunter die Feier des katholischen Weihnachtsfestes, Workshops zur Herstellung traditioneller Weihnachtsdekorationen sowie Bastelarbeiten und Souvenirs für Kinder. Besonders in Erinnerung geblieben sind uns die musikalischen Einheiten mit Irina, für die ein warmes, stimmungsvolles weihnachtliches Liedrepertoire ausgewählt wurde. Auch der Deutschunterricht bei den Lehrerinnen Svetlana und Marta verwandelte sich in eine Atmosphäre der Freude und Kreativität.
Wir verließen dieses Projekt mit einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit für die Möglichkeit, uns mit der Geschichte und dem kulturellen Erbe des deutschen Volkes zu verbinden.“
Die Worte unserer Teilnehmenden sind der beste Beweis dafür, warum wir Familienprojekte initiieren und durchführen: nicht nur, um sich zu erinnern, sondern um Inspiration zu finden, Gemeinschaft zu erleben und den gemeinsamen Weg fortzusetzen.
Das Projekt „Aktive Eltern“ ist zwar abgeschlossen, doch die in diesen Tagen entstandene Bewegung wird nicht enden. Sie setzt sich in den Familien fort – dort, wo die erlernten Lieder gesungen, deutsche Gerichte zubereitet, Familienfilme angeschaut und den Kindern gesagt wird: „Das ist unsere Geschichte!“
An den eigenen Wurzeln zu arbeiten ist kein einmaliges Ereignis, sondern eine tägliche Entscheidung. Familiäre Traditionen sind dabei nicht einfach Rezepte, Lieder oder Feste – sie sind Fäden, die uns mit der Vergangenheit verbinden und sich in die Zukunft fortspinnen: zu unseren Kindern, Enkeln und neuen Geschichten.

